Kaum ein Thema ist beim Gravelbike so komplex – und gleichzeitig so entscheidend – wie die Wahl von Schaltung und Bremsen.
Was auf den ersten Blick nach einer reinen Ausstattungsfrage aussieht, hat in der Praxis enorme Auswirkungen auf Fahrbarkeit, Wartung und spätere Kosten.
1-fach, 2-fach oder Mullet?
In diesem Kapitel wird es unübersichtlich – leider unvermeidlich.
Ich höre häufig den Satz: „Außer dem Rahmen kann ich später ja alles tauschen.“
Prinzipiell stimmt das. In der Praxis zieht der Austausch einer einzelnen Antriebskomponente jedoch oft weitere, kostspielige Änderungen nach sich.
Gerade deshalb ist es wichtig, vor dem Kauf zu überlegen:
- Welche Strecken möchte ich fahren?
- Wie wichtig sind mir feine Gangabstufungen?
- Wie viel Wartung bin ich bereit in Kauf zu nehmen?
Die passende Übersetzungsbandbreite und Gangabstufung sind keine Detailfrage – sie definieren maßgeblich, wie gut ein Bike zu dir passt.
SRAM oder Shimano?
Die Frage, ob SRAM oder Shimano das bessere System ist, erinnert stark an Diskussionen wie iOS vs. Android oder Garmin vs. Wahoo.
Eine objektiv richtige Antwort gibt es nicht – es ist eine Frage der persönlichen Vorlieben.
Ein paar technische Grundlagen solltest du jedoch kennen.
Kompatibilität bei Dropbars
Bei Gravel- und Rennrädern lassen sich Schaltungen und Bremsen nicht herstellerübergreifend kombinieren.
Der Grund: Bei Dropbars sind Brems- und Schalthebel in einer Einheit integriert. SRAM und Shimano verwenden zudem unterschiedliche Hydraulikflüssigkeiten, was eine Kombination der Systeme ausschließt.
Bei Mountainbikes funktioniert das oft problemlos, da dort Schalthebel und Bremsen getrennt sind.
DOT 5.1 oder mineralisches Öl?
SRAM – DOT-Bremsflüssigkeit
SRAM verwendet DOT 5.1 Bremsflüssigkeit, die:
- regelmäßig gewechselt werden sollte
- aggressiv ist und nur mit Handschuhen verarbeitet werden sollte
Das macht die Wartung etwas aufwendiger – insbesondere, wenn du dein Bike selbst wartest.
Der große Vorteil: DOT-Flüssigkeit ist sehr temperaturstabil.
Bei langen Abfahrten und dauerhaftem Bremsen bleibt die Bremsleistung auch bei hoher Hitze konstant.
Shimano – mineralisches Hydrauliköl
Shimano setzt auf mineralisches Öl:
- längere Wartungsintervalle
- hautverträglich und unkompliziert im Handling
Nachteile:
- bei sehr hohen Temperaturen kann die Bremsleistung nachlassen
- bei niedrigen Temperaturen verändert sich die Viskosität, was sich ebenfalls auf die Bremsperformance auswirken kann
Für die meisten Einsatzbereiche ist das jedoch unkritisch.
1-fach oder 2-fach – mit oder ohne Umwerfer
Eine grundlegende Frage lautet:
Bist du eher sportlich unterwegs und legst Wert auf eine konstante Trittfrequenz, oder bevorzugst du einen wartungsarmen, einfachen Antrieb?
Der Umwerfer ist eine der anfälligsten Komponenten im Antriebsstrang.
Mein Lieblingsmechaniker kommentierte meine mangelnden Kenntnisse dazu einmal trocken mit:
„Das Einzige, was man über Umwerfer wissen muss, ist, wie man sie abmontiert.“
1-fach Beispiel: SRAM XPLR (1×12)
Typisches Setup:
- Kurbel: 40 Zähne
- Kassette: 10–44 Zähne
Bei gleicher Trittfrequenz:
- leichtester Gang: 10,3 km/h
- schwerster Gang: 45,3 km/h
Die Übersetzungsbandbreite ist erstaunlich ähnlich.
Der Vorteil des 2-fach-Systems liegt in der feineren Gangabstufung, insbesondere im mittleren Geschwindigkeitsbereich (ca. 16–26 km/h).
Der 1-fach-Antrieb punktet dagegen mit:
- geringerer Anfälligkeit
- einfacher Bedienung
- klarer Vorteil im Gelände
Praktisches Tool: Ritzelrechner
Screenshot Ritzelrechner
Das wirkt jetzt alles zunächst sehr theoretisch. Eine große Hilfe bei der praktischen Bewertung ist die Website www.ritzelrechner.de.
Dort lassen sich unterschiedliche Schaltungssetups – von 1-fach über 2-fach bis hin zu Mullet-Konfigurationen – realitätsnah simulieren.
Besonders nützlich: Berechnung der Geschwindigkeiten für wählbare Trittfrequenzen. So wird sofort sichtbar, wie sich Übersetzungsbandbreite und Gangabstufung auf die Fahrt auswirken.
2×12: Shimano GRX 820
Höherwertiges 2-fach-Setup:
- Kurbel: 31 / 48
- Kassette: 11–36
Bei 85 U/min:
- leichtester Gang: 9,75 km/h
- schwerster Gang: 49,4 km/h
Die Bandbreite unterscheidet sich kaum vom GRX-400-Setup (die Endgeschwindigkeit ist 4km/h höher), die Gangabstufung ist jedoch deutlich harmonischer.
Warum Planung Folgekosten spart
In der Praxis ist es selten damit getan, einfach eine andere Kassette zu montieren.
Größere Ritzel erfordern oft:
- ein Schaltwerk mit längerem Käfig
- einen anderen Freilauf
Nicht jeder Freilauf passt auf jede Nabe – ein klassischer Stolperstein.
Ein Beispiel aus der Praxis:
Ein Gravelbiker aus meinem Bekanntenkreis wollte sein Rose Backroad mit einer 10–52 Kassette upgraden. Mit dem originalen Laufradsatz wäre das möglich gewesen. Leider hatte er kurz zuvor in einen hochwertigen ZIPP Firecrest Carbon-Laufradsatz investiert – für den es keinen passenden MicroSpline-Freilauf gibt.
Mullet-Antriebe – maximale Bandbreite
Mullet ist die englische Bezeichnung für Vokuhila. Vorne kurz und hinten lang.
Auf das Rad übertragen: vorne klein, hinten groß.
Ein Kettenblatt vorne, eine Mountainbike-Kassette hinten.
Ein Serienbeispiel ist das Tout Terrain Ceres:
- 40er Kettenblatt
- 10–52 Kassette
- SRAM Eagle Transmission Schaltwerk
Technisch wird es hier komplex, da MTB-Kassetten einen XD-Freilauf benötigen und meist mit 148 mm Einbaubreite arbeiten – während Gravelrahmen in der Regel 142 mm für Hinterräder verwenden.
Historisch interessant:
Das erste Gravel-/Bikepacking-Bike mit serienmäßigem Mullet-Antrieb war das Salsa Cutthroat (2015) – mit klarer MTB-DNA.
Für Bikepacking bietet ein Mullet-Setup enorme Vorteile.
Beispiele bei einer Trittfrequenz von 85 U/min:
- 40er Kettenblatt: 8,7 km/h – 45 km/h
- 34er Kettenblatt: 7,4 km/h – 38,5 km/h
Bei 70 U/min sinkt die Minimalgeschwindigkeit auf 6,1 km/h – ideal für lange, steile Anstiege mit Gepäck.
Update Sommer 2025 – neue SRAM XPLR Schaltungen
SRAM hat die RED XPLR 13-fach eingeführt – High-End, technisch beeindruckend, preislich jedoch ambitioniert.
Im Verlauf der zweiten Jahreshälfte folgten Rival und Force XPLR:
- 13-fach
- neue 10–46 Kassette
- Übersetzungsbandbreite: 460 %
Ein sehr attraktiver Kompromiss zwischen 2-fach-Antrieben und klassischen Mullet-Setups.
Copyright: SRAM
Wichtig:
Diese Schaltwerke benötigen Direct-Mount-fähige Rahmen und können nicht am Schaltauge montiert werden.
Kette: geölt oder gewachst?
Vorteile gewachster Ketten:
- extrem sauberer Antrieb
- deutlich geringerer Verschleiß
- sehr leiser Lauf
Ideal für trockene, staubige Bedingungen – perfekt für Gravel und Bikepacking.
Nachteile:
- aufwendige Erstumstellung - sinnvollerweise stellst du direkt bei der Anschaffung deines neuen Bikes auf gewachste Kette um, oder wenn der Antrieb so verschlissen ist, dass Kettenblatt, Kassette und Kette getauscht werden muß.
- bei häufigen Fahrten im Regen erfordert eine gewachste Kette erhöhten Wartungs- und Pflegeaufwand
Wer regelmäßig lange Touren fährt, sollte Flüssigwachs mitführen.
Mittlerweile bieten viele Werkstätten den Wechsel auf gewachste Ketten als Service an, zudem sind fertig gewachste Ketten online erhältlich.
Meine persönliche Einschätzung:
Ich fahre seit einigen Monaten mit einer gewachsten Kette und werde sehr wahrscheinlich nicht mehr zu einer geölten Kette zurückkehren.
Unterwegs das Hinterrad für einen Schlauchwechsel ausbauen zu müssen und danach tatsächlich saubere Hände zu haben, ist eine Erfahrung, die man erst dann richtig zu schätzen weiß. Der etwas höhere Pflegeaufwand wird aus meiner Sicht durch die Vorteile – Sauberkeit, Laufruhe und reduzierten Verschleiß – mehr als aufgewogen.
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